Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Vier

V i e rDer vierfältige Gott ist der Gott der Gnosis, der Selbsterlösung: der tiefste menschliche Abgrund wird zu ihrem Ausgangspunkt. Gleich wie Christus in die Hölle niederfahren musste, bevor er des Himmels teilhaftig werden konnte, so sucht der Mensch des vierten Gottesprinzips gerade den eigenen als solchen erkannten Mangel oder Fehler, um ihn zum Eckstein seines Strebens zu machen. Dem nach Begnadung Strebenden ist der triebhafte Seelengrund, chinesisch das pfirsichgroße Herz, ein Greuel, wie es im Alten Testament geschrieben steht: denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. 1.Mose 8,21

Doch dies wird es nur, wenn es nicht in seiner Natur erkannt wurde; wenn nicht, wie es in vielen Märchen der gnostischen Überlieferung gezeigt wird, die Kröte sich als verborgene Prinzessin offenbaren kann.

Seelisches Wachstum kann nur auf Grund der tatsächlichen Anlage erfolgen; so gilt es, diese zu erkennen. Vom wahren Urgrund im Seelenraum auszugehen, ist der Weg der Selbsterkenntnis, aber auch der Weg des seelisch, im Unterschied zum geistlich strebenden Menschen. Durch Jahrhunderte unterdrückt, ist der gnostische Gott in den modernen Bestrebungen der Psychotherapie, im Ziel der Individuation auferstanden, wenn es gilt, die sogenannte vierte, minderwertige Funktion zu integrieren und die Keime des Unbewussten zur vollendeten Blüte zu bringen.

Der Gott des gnostischen Weges ist irdisch, west in der Mitte der Erde, von wo er den Menschen in seiner Rückkehr zum Ursprung mitreißt. Der Nachfolger des vierten Gottesprinzips versenkt sich in seine Natur; er lernt es, die ihm zuerst furchtbar erscheinende Wahrheit seines Wesens anzunehmen, damit er aus ihr die Kraft gewinnt, den persönlichen Weg zu gehen, was immer dieser auch sein möge.

Das vierfältige Gottesprinzip ist im Seelengrund und führt den Menschen durch die Erkenntnis seiner selbst und seiner Natur. Doch nicht nur im Selbsterkennen kann der Mensch seine Erfüllung finden: auch die Natur selbst kann zum Gegenstand seines Forschens werden. Dies führt zum fünften Gottesprinzip, der Suche der Alchemisten nach der Quintessenz, welche durch die Arbeit des Adepten erreicht wird.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
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